Steinzeit

"Was machst du da", fragte der kleine Junge den alten Mann, der auf einer der Bänke sass. Erstaunt sah der Alte den Kleinen an. Versonnen drehte er einen Stein, den er in der Hand hielt, immer wieder herum.
"Ich schaue in die Zeit zurück", sagte er dann.
"Wie geht das denn," fragte der Junge, "bist du ein Zeitforscher?"
Der Mann lächelte. "Hm, vielleicht bin ich so etwas Ähnliches. Wer weiss schon genau, was er ist. Klingt aber nicht schlecht: Zeitforscher! Time researchers."

"Was heisst das denn?" Der kleine Junge sah dem Alten ins Gesicht.
"Auch Zeitforscher. Gehst du noch nicht in die Schule?"
"Nein", sagte der Junge, "erst nächstes Jahr. Oma meint, ich soll mich ruhig noch ein bisschen ausruhen, alles andere kommt früh genug."
"Und deine Eltern? Was sagen die denn dazu?"
"Hab keine mehr. Sind da oben!"
Er zeigt zu den Federwolken hinauf, die ein Muster auf das Coelinblau des Himmels malen.

"Oh!" Der alte Mann schwieg betroffen. Der Junge sah ihn an: "Ich hab sie ja nicht gekannt. Und ich hab ja meine Oma!"

"Ja, das ist auch gut so. Jeder braucht einen, dem man vertrauen kann, wenn man sich mal allein fühlt. Es ist schlimm, wenn dann keiner da ist. Ich kenne das."
"Bist du auch allein?" fragte der Junge.
"Ja, manchmal, aber ich habe ja meine Zeit, mit der ich reden kann!"

Verständnislos sah ihn der Junge an. Der Alte lächelte wieder. Zeigte dann auf den Stein in seiner Hand.
"Siehst du den hier? Der kann mir so viel erzählen. Der wurde geboren, da lebten noch keine Menschen auf dieser Welt."

Der Kleine lacht herzhaft auf. "Aber Steine werden doch nicht geboren, was erzählst du mir da für einen Quatsch."

Der alte Mann lachte auch leise in sich hinein, meinte dann aber, indem er dem Kind den Stein reichte:
"So, meinst du? --- Steine werden auch geboren. Nicht so wie Menschen und Tiere, natürlich nicht. Steine werden aus Feuer und Glut und Magma geboren, die tief unter unseren Füßen im Inneren der Erde wohnen. Wenn diese Glut dann ab und zu an die Oberfläche kommt, wird sie fest und später ist das dann ein Stein. So wie dieser hier!"

Der Junge drehte den Stein hin und her, betrachtete dessen Maserung. "Ich finde, der ist hübsch. Und so glatt, das fühlt sich gut an."

"Möchtest du ihn haben? Ich schenke ihn dir. Ich habe ihn auch mal geschenkt bekommen, von einer alten Frau, die oben in den Bergen wohnte."
"Aber, - aber das ist doch dein Stein mit der du in die Zeit gucken kannst. Hast du doch gesagt, nicht?"

Der Alte nickte dem Jungen zu, lächelte dann verschmitzt.
"Ach weisst du, ich kenne die Zeit nun schon viele, viele Jahre lang und sie kennt mich auch. Und ich kann jetzt schon alles auswendig. Aber du, du musst sie noch lernen, diese Zeit."

Der kleine Junge schaute ihn verwirrt an.
"Wie kann man denn Zeit lernen? Das geht doch gar nicht."

Der alte Mann sah den Kleinen an, fragte dann nochmals:
"Nimmst du mein Geschenk an?"
Wortlos nickte der nur mehrmals.
"Gut so", sagte der Mann. "Du meinst also, Zeit könne man nicht lernen? Oh doch. Ich habe auch gelernt, Zeit zu haben.
Weisst du, es ist oft so, - du wirst das noch erfahren - dass man keine Zeit hat. Oder sie läuft einem einfach weg!"

Der kleine Junge nickte bestätigend mit dem Kopf:
"Das sagt Oma auch manchmal: Die Zeit ist mir einfach weggelaufen!"
"Ja, so ist das dann auch." Der Alte sprach weiter. "Man kann die Zeit verschlafen. Man kann sie totschlagen!"
Der Junge lachte laut auf. "Oma sagt immer: Zeit ist kostbar!"
"Womit sie auch recht hat", sagte der alte Herr. "Sie ist wirklich kostbar. Man sollte sie auch nicht einfach vertreiben. Weisst du, manche sagen, sie müssten sich die Zeit vertreiben!"
Der Kleine nickte. "Hab ich auch schon gehört. Zeitvertreib!"

Der Alte bejahte. "Ja, genau, man vertreibt sich die Zeit. Und dann tut die genau das, sie lässt sich vertreiben, und plötzlich ist sie weg! Ganz einfach weg, weil man sie vertrieben hat. Ist das nicht schlimm?"

Fragend schaute der Alte den Jungen an.
"Ich glaube schon, dass das schlimm ist. Und dann? Kriegt man die wieder?

"Nein, niemals."
Der Alte sagt das mit einer bestürzenden Bestimmtheit. "Nein, verlorene Zeit bekommt man nicht zurück. Die ist dann weg. Und dann hat man keine Zeit mehr, keine Zeit mehr, all das zu tun, was man früher gern gewollt hat, doch man hatte ja damals auch keine Zeit!
Und später dann, wenn man, so wie ich jetzt, Zeit hätte, ist keine mehr da! Weil sie aufgebraucht ist, die Zeit. Deshalb musst du unbedingt Zeit lernen, mein Junge, denn sie ist kostbar, wie deine Oma sagt. Nimm dir Zeit, wann immer du sie brauchst und lass dich nicht von ihr hetzen.
Denk immer an den Stein in deiner Hand!"

Der Alte erhob sich von der Parkbank, nahm seinen Gehstock, streichelte dem Jungen noch einmal übers Haar und ging dann langsamen Schrittes den Weg entlang.
Der Kleine sah ihm lange hinterher, flüsterte dann leise:
"Tschüss, lass dir Zeit Opa!"

Autor: Horst Lux, Website www.dichterpark.de